Acerola

Inhalt

Acerola – kleine Frucht, großer Nährstofffokus  

Was steckt eigentlich hinter Acerola?

Warum begegnet uns Acerola hierzulande kaum frisch?

Acerola als Frucht und Quelle bioaktiver Inhaltsstoffe

Acerola zwischen Wissenschaft und Lebensmittelrecht

Quellenverzeichnis

LebensEnergieManagement e.V. LEM

Acerola – kleine Frucht, großer Nährstofffokus  

Manche Zutaten schaffen es vom regionalen Lebensmittel zur festen Größe in modernen Produkten. Acerola ist eine davon. In ihren Anbauregionen in Mittel- und Südamerika wird die Frucht seit langem frisch verzehrt oder direkt weiterverwendet. Heute begegnet sie uns auch hierzulande in Säften, Smoothies, getrockneten Fruchtbestandteilen, Pulvern oder Nahrungsergänzungsmitteln. Besonders häufig fällt dabei ein Stichwort: Vitamin C.

Mit ihrer wachsenden Verbreitung steigt auch das Interesse an der Frucht selbst. Denn zwischen traditioneller Nutzung, heutiger Verwendung in unterschiedlichen Produktkategorien und wissenschaftlicher Einordnung entsteht schnell der Wunsch nach Orientierung: Wofür steht Acerola eigentlich   ernährungsphysiologisch und rechtlich?

Dieser Beitrag beleuchtet Acerola aus botanischer, ernährungswissenschaftlicher und rechtlicher Perspektive und ordnet den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand verständlich ein.

Was steckt eigentlich hinter Acerola?

Botanische Einordnung: Viele Namen – eine Frucht

Wer sich näher mit Acerola beschäftigt, stößt schnell auf unterschiedliche wissenschaftliche Bezeichnungen. Das kann zunächst verwirrend wirken, hat aber vor allem historische Gründe.

Heute gilt Malpighia emarginata D.C. als botanisch akzeptierter Name der Pflanze, deren Früchte als Acerola bekannt sind. In älterer Literatur und in regulatorischen Kontexten finden jedoch weiterhin andere Bezeichnungen Anwendung, insbesondere Malpighia glabra L. und Malpighia punicifolia L.. Diese Namen stammen aus früheren taxonomischen Einordnungen und werden heute überwiegend als veraltet oder als Synonyme betrachtet. Dennoch tauchen sie in rechtlichen und wissenschaftlichen Dokumenten weiterhin auf, so z.B. in Datenbanken der Europäischen Union.

Umgangssprachlich ist die Frucht unter verschiedenen Namen bekannt, darunter Acerola, Acerola-Kirsche, Barbadoskirsche oder Westindische Kirsche. Botanisch gehört die Pflanze zur Familie der Malpighiaceae.

Acerola stammt ursprünglich aus den tropischen Regionen Amerikas. Ihr ursprüngliches Vorkommen reicht von Südtexas über Mexiko und Zentralamerika bis in Teile des nördlichen Südamerikas und die Karibik. Heute wird die Pflanze weit über ihr natürliches Verbreitungsgebiet hinaus in zahlreichen tropischen und subtropischen Regionen kultiviert, darunter in Teilen Floridas, Australiens, Israels sowie verschiedener asiatischer Länder.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei Brasilien zu: Das Land zählt nicht nur zu den wichtigsten Anbaugebieten, sondern gilt zugleich als weltweit führendes Zentrum für Forschung, Züchtung und Verarbeitung von Acerola. Viele der heute wissenschaftlich untersuchten Sorten stammen aus brasilianischen Züchtungsprogrammen. Einige der größten kommerziellen Plantagen befinden sich in den nördlichen Landesteilen. Auch Mexiko zählt zu den bedeutenden Anbauländern. Die lange Anbaugeschichte und die große Sortenvielfalt haben dazu beigetragen, dass Acerola heute Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten ist.

 

Anbaugebiete KI generiert

Weltweite Anbaugebiete von Acerola (Quelle: KI generiert)

Acerola wächst als immergrüner, dicht verzweigter Strauch oder kleiner Baum. Die Pflanze trägt kleine, ovale bis elliptische Blätter und bildet auffällige rosa bis rosaviolette Blüten, die meist in kleinen Gruppen erscheinen. Unter günstigen klimatischen Bedingungen kann Acerola mehrfach im Jahr blühen und fruchten. In tropischen Anbaugebieten erfolgt die Blüte häufig in mehreren, mit den Niederschlagsperioden verbundenen Zyklen.

Acerola-Blüten am Stamm und als Blütenbüschel mit Angaben zu Blütezeit, Sonne, Wasser und Wärme. (Quelle: KI generiert)

Aus den Blüten entwickeln sich die charakteristischen Früchte. Diese erreichen meist eine Größe von etwa 1 bis 3 cm und verändern ihre Farbe während der Reifung von grün über gelb-orange bis hin zu leuchtend rot. Äußerlich erinnern die Früchte an kleine Kirschen, unterscheiden sich jedoch deutlich von den in Mitteleuropa bekannten Süß- oder Sauerkirschen. Statt eines einzelnen Steinkerns besitzen sie mehrere Samen und weisen meist eine deutlich ausgeprägte, leicht gerippte Form auf.

Fruchtentwicklung und Vergleich zu heimischen Kirsche. (Quelle: KI generiert)

Wie bei vielen Kulturpflanzen existieren auch bei Acerola verschiedene Sorten. Diese unterscheiden sich u.a. hinsichtlich Fruchtgröße, Ertrag, Fruchtfarbe, sowie der Zusammensetzung ihrer Inhaltsstoffe. In Brasilien sind zahlreiche Sorten beschrieben. Zu den bekannten registrierten Sorten zählen unter anderem BRS 235 Apodi, BRS 236 Cereja, BRS 237 Roxinha, BRS Cabocla, BRS 238 Frutacor sowie BRS 366 Jaburu.

Die Sortenvielfalt der Pflanze ist auch aus wissenschaftlicher Sicht von Bedeutung. Untersuchungen zeigen, dass sich Gehalt und Zusammensetzung von Vitamin C, Anthocyanen und weiteren antioxidativen Pflanzenstoffen zwischen einzelnen Sorten unterscheiden können. Zusätzlich beeinflussen auch Klima, Anbaubedingungen, Erntezeitpunkt, Reifegrad und die spätere Verarbeitung die gemessenen Gehalte der Inhaltsstoffe. Deshalb unterscheiden sich die in wissenschaftlichen Veröffentlichungen angegebenen Werte teilweise deutlich voneinander. Auf diese Einflussfaktoren wird im weiteren Verlauf noch näher eingegangen.

Warum begegnet uns Acerola hierzulande kaum frisch?

Acerola zählt zu den vergleichsweise empfindlichen tropischen Früchten. Untersuchungen beschreiben die Frucht als „highly perishable“, also leicht verderblich. Nach der Ernte setzen natürliche Reifungs- und Alterungsprozesse ein, die mit Qualitätsverlusten verbunden sein können. Hinzu kommt, dass die Früchte aufgrund ihrer dünnen Schale, unter warmen und trockenen Lagerbedingungen rasch Feuchtigkeit verlieren und zugleich empfindlich auf ungeeignet niedrige Lagertemperaturen reagieren. Hierbei können sogenannte Kälteschäden auftreten. Das sind die Gründe, weshalb reife Acerolafrüchte nur eine begrenzte Lagerfähigkeit besitzen. In der Fachliteratur werden bei höheren Temperaturen Lagerzeiten der frisch geernteten Frucht von lediglich wenigen Tagen beschrieben.

Diese Eigenschaften stellen, insbesondere beim Transport über größere Entfernungen, eine Herausforderung dar. Während viele heimische Obstsorten über Wochen transportiert und gelagert werden können, erfordert Acerola häufig eine schnelle Weiterverarbeitung möglichst nahe am Anbaugebiet. Entsprechend beschäftigt sich ein Teil der Forschung mit Verfahren, die Haltbarkeit zu verlängern und wertgebende Inhaltsstoffe, während Lagerung und Transport, möglichst gut zu erhalten.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa hat dies direkte Auswirkungen auf die Verfügbarkeit der Frucht. Während Acerola in ihren Anbaugebieten häufig frisch verzehrt oder zeitnah weiterverarbeitet wird, findet sie, außerhalb der traditionellen Anbaugebiete, vor allem in verarbeiteter Form Verwendung. In der Literatur werden unter anderem Fruchtmark (Pulpe), Säfte, gefrorene Produkte, sowie Pulver beschrieben. Diese Produktformen erleichtern Lagerung, Transport und die spätere Verwendung in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln.

Acerola als Frucht und Quelle bioaktiver Inhaltsstoffe

Acerola wird vor allem wegen ihrer besonderen Zusammensetzung geschätzt und wissenschaftlich untersucht. Im Mittelpunkt des Interesses steht ihr hoher natürlicher Vitamin-C-Gehalt. Acerola zählt nach den bislang veröffentlichten Analysen zu den vitamin-C-reichsten essbaren Früchten pflanzlichen Ursprungs. Darüber hinaus enthält Acerola zahlreiche weitere bioaktive Pflanzenstoffe, darunter verschiedene Polyphenole (einschließlich Flavonoiden wie Anthocyanen und verschiedener phenolischer Säuren, z. B. Kaffeesäure), sowie Carotinoide. Welche Mengen dieser Stoffe tatsächlich in der Frucht vorkommen, hängt jedoch, wie bereits beschrieben, von der Sorte, dem Reifegrad, den Anbaubedingungen, dem Klima, der Erntezeit, der späteren Verarbeitung, der Lagerung und dem Transport und wiederum von dessen Bedingungen ab. Deshalb können sich die in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlichten Gehaltsangaben teilweise deutlich unterscheiden.

Vitamin C   der mengenmäßig prägende Inhaltsstoff

Von allen bislang untersuchten Inhaltsstoffen steht Vitamin C eindeutig im Mittelpunkt der Forschung. Reife, frische Acerolafrüchte enthalten nach den Daten der französischen Lebensmitteldatenbank CIQUAL, deren Werte für Acerola aus der USDA FoodData Central übernommen wurden, durchschnittlich rund 1.677 mg Vitamin C pro 100 g essbarem Anteil.

Die Literatur zeigt jedoch, dass dieser Wert nicht für jede Acerolafrucht gleichermaßen gilt. Während des Reifeprozesses verändert sich die Zusammensetzung der Frucht kontinuierlich. Mehrere Untersuchungen beschreiben, dass der Vitamin-C-Gehalt mit zunehmender Fruchtreife abnimmt. Für unreife grüne Früchte wurden, abhängig von Sorte, Standort und Untersuchungsmethode, häufig Gehalte von über 2.000 mg bis teilweise mehr als 3.000 mg Vitamin C pro 100 g Frischgewicht beschrieben. Gleichzeitig nehmen während der Reifung unter anderem der Zuckergehalt, die Ausbildung der roten Fruchtfarbe, sowie verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe zu.

Diese Veränderungen erklären, weshalb Acerolafrüchte für die Herstellung vitamin-C-reicher Rohstoffe häufig bereits in einem frühen Reifestadium geerntet werden. Dies ist auch der Grund, warum veröffentlichte Vitamin-C-Gehalte teilweise erheblich voneinander abweichen. Nicht jede Studie untersucht dieselbe Sorte, denselben Reifegrad oder dieselben Verarbeitungsbedingungen. Hinzu kommt, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen nicht immer eindeutig angeben, ob frische Früchte, Fruchtmark, Saft oder Pulver untersucht wurden, beziehungsweise aus welchem Reifestadium (unreif, teilreif, vollreif) diese stammen.

Die nachfolgende Vergleichstabelle dient deshalb ausschließlich der groben Einordnung veröffentlichter Vitamin-C-Gehalte verschiedener Lebensmittel und ersetzt keine produktspezifische Analyse.

Tabelle 1: Vitamin-C-Gehalt ausgewählter Lebensmittel (pro 100 g essbarer Anteil) im Vergleich zu reifen, frischen Acerola

Vitamin-C-Gehalt verschiedener Lebensmittel
Lebensmittel
(taxonomische Bezeichnung)
Vitamin C
(mg/100 g)
Quelle
Acerola, reife, rohe Frucht
(Malpighia emarginata D.C.)
1680USDA
Hagebutte
(Rosa Canina L.)
1250Souci-Fachmann-Kraut
Sanddorn
(Hippophae rhamnoides L.)
450Souci-Fachmann-Kraut
Schwarze Johannisbeere
(Ribes nigrum L.)
177Souci-Fachmann-Kraut
Petersilie, Blatt
(Petroselinum crispum)
166Souci-Fachmann-Kraut
Paprikafrüchte
(Capsicum annuum)
138Souci-Fachmann-Kraut
Brokkoli
(Brassica oleracea L. var. Italica)
115Souci-Fachmann-Kraut
Kiwi
(Actinidia chinensis Planch.)
71Souci-Fachmann-Kraut
Orange/Süßorange
(Citrus x sinensis)
49Souci-Fachmann-Kraut

Vitamin C gehört zu den wasserlöslichen Vitaminen und übernimmt im menschlichen Körper zahlreiche physiologische Funktionen. Es trägt u.a. zu einer normalen Funktion des Immunsystems, zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung, sowie zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress bei. Da diese Funktionen, sowie Aufnahme, Stoffwechsel und rechtliche Gesundheitsangaben den Rahmen dieser Seite überschreiten würden, werden sie in einem eigenen Themenbereich ausführlich erläutert.

Mehr als nur Vitamin C

Obwohl Acerola vor allem mit ihrem hohen Vitamin-C-Gehalt in Verbindung gebracht wird, beschränkt sich ihre Zusammensetzung nicht auf dieses Vitamin. Darüber hinaus wurden in der Frucht zahlreiche weitere bioaktive Pflanzenstoffe nachgewiesen. Hierzu zählen insbesondere Polyphenole. Zu dieser Stoffgruppe gehören unter anderem Flavonoide einschließlich ihrer Untergruppe der Anthocyane, sowie verschiedene phenolische Säuren. Daneben wurden auch verschiedene Carotinoide nachgewiesen.

Viele dieser Stoffe werden aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften den antioxidativ wirkenden Pflanzenstoffen zugeordnet. Welche Bedeutung diese Stoffe für Lebensmittel oder den menschlichen Organismus im Einzelnen haben, wird in der wissenschaftlichen Literatur differenziert betrachtet und ist Gegenstand weiterer Forschung.

Im Gegensatz zum Vitamin C lassen sich die Gehalte vieler sekundärer Pflanzenstoffe derzeit nur eingeschränkt zwischen verschiedenen Lebensmitteln vergleichen. Ursache hierfür sind unter anderem unterschiedliche Untersuchungsmethoden, sowie die bislang begrenzte Verfügbarkeit standardisierter Vergleichsdaten.

Die nachfolgende Übersicht verfolgt deshalb einen anderen Ansatz: Sie ordnet die bislang in Acerola beschriebenen Stoffgruppen ein und zeigt anhand bekannter Lebensmittel, in welchen pflanzlichen Quellen diese Stoffgruppen ebenfalls typischerweise vorkommen.

Tabelle 2: Einordnung nachgewiesener sekundärer Pflanzenstoffe in Bezug auf Acerola und auf weitere Lebensmittel einschließlich Vitamin C

StoffgruppeEinordnung innerhalb der AcerolafruchtWissenschaftliche Aussagen in Bezug auf AcerolaWeitere Beispiele typischer Lebensmittelquellen
Vitamin Csehr hochVitamin C ist der mengenmäßig prägende Inhaltsstoff und wird in der Literatur als charakteristisches Merkmal der Frucht beschrieben.Hagebutte
Sanddorn
Gesamtpolyphenolerelevante Bestandteile der FruchtMehrere Studien weisen relevante Mengen an Gesamtpolyphenolen nach. Die Gehalte variieren deutlich mit Sorte, Reifegrad und Untersuchungsmethode.Aronia
Schwarze Johannisbeere
Flavonoide
(Untergruppe der Polyphenole)
vorhandenBeschrieben wurden unter anderem Anthocyane, Quercetin, Rutin, Catechin, Epicatechin und Naringenin. Die Zusammensetzung verändert sich ebenfalls während der Fruchtreife.Apfel
Zwiebel
Anthocyane (Untergruppe der Flavonoide)vor allem in reifen Früchten ausgeprägtAnthocyane nehmen während der Reifung zu und sind wesentlich an der Ausbildung der roten Fruchtfarbe beteiligt.Heidelbeere
Schwarze Johannisbeere
Phenolische Säuren
(Untergruppe der Polyphenole)
vorhandenIn Acerola wurden unter anderem Chlorogensäure, Kaffeesäure, Ferulasäure und p-Cumarsäure beschrieben. Je nach Verbindung nehmen die Gehalte während der Fruchtreife zu oder ab.Kaffee
Heidelbeere

Die Spalte „weitere Beispiele typischer Lebensmittelquellen“ dient ausschließlich der fachlichen Einordnung der jeweiligen Stoffgruppen. Die genannten Lebensmittelbeispiele gelten als bekannte natürliche Quellen der entsprechenden Pflanzenstoffe und sollen verdeutlichen, in welchen weiteren Lebensmitteln diese Stoffgruppen typischerweise vorkommen. Daraus lässt sich jedoch kein direkter Rückschluss darauf ableiten, ob Acerola höhere oder niedrigere Gehalte dieser Stoffe enthält.

Die Übersicht macht zugleich deutlich, dass die Besonderheit der Acerola nicht darin liegt, von jeder einzelnen Stoffgruppe außergewöhnlich hohe Mengen zu enthalten. Viele der beschriebenen Polyphenole, Flavonoide, Anthocyane, phenolischen Säuren und Carotinoide kommen auch in zahlreichen anderen Obst- und Gemüsesorten vor. Im Unterschied dazu gehört Vitamin C zu den mengenmäßig prägenden Inhaltsstoffen der Acerola und hebt die Frucht deutlich von den meisten anderen Lebensmitteln ab (siehe Tabelle 1). Die Besonderheit der Acerola liegt daher vor allem in der Kombination ihres hohen natürlichen Vitamin-C-Gehalts mit verschiedenen weiteren bioaktiven Pflanzenstoffen innerhalb einer Frucht.

Wie bereits erläutert, unterliegen auch die Gehalte der übrigen bioaktiven Pflanzenstoffe natürlichen Schwankungen. Ergebnisse verschiedener Studien lassen sich deshalb häufig nur eingeschränkt miteinander vergleichen. Aus diesem Grund beschreibt die wissenschaftliche Literatur häufig Wertebereiche und Tendenzen, nicht jedoch allgemein gültige Gehalte für Acerola.

Die einzelnen Stoffgruppen, ihre antioxidativen Eigenschaften, sowie ihre wissenschaftliche Einordnung werden auf einer eigenen Themenseite ausführlich vorgestellt.

Acerola zwischen Wissenschaft und Lebensmittelrecht

Lebensmittel werden heute nicht nur hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe wissenschaftlich untersucht. Ebenso wichtig ist die rechtliche Einordnung, unter welchen Voraussetzungen sie innerhalb der Europäischen Union (EU) als Lebensmittel in Verkehr gebracht werden dürfen. Gerade bei Pflanzen, die ursprünglich außerhalb der EU beheimatet sind, stellt sich häufig die Frage, ob sie als herkömmliche Lebensmittel gelten oder ob besondere lebensmittelrechtliche Anforderungen zu beachten sind.

Mit der Novel-Food-Verordnung (Verordnung (EU) 2015/2283) hat die Europäische Union ein Verfahren geschaffen, nach dem bestimmte neuartige Lebensmittel vor ihrer Vermarktung einer lebensmittelrechtlichen Bewertung unterliegen können. Betroffen sind insbesondere Lebensmittel oder Lebensmittelzutaten, die vor dem 15. Mai 1997 innerhalb der Europäischen Union nicht in nennenswertem Umfang für den menschlichen Verzehr verwendet wurden. Für Acerola gilt hierbei eine wichtige Unterscheidung. Die essbare Frucht beziehungsweise daraus hergestellte Lebensmittel und Lebensmittelzutaten gelten innerhalb der Europäischen Union nicht als neuartige Lebensmittel (Novel Food).

Anders kann die rechtliche Bewertung bei anderen Pflanzenteilen der Acerola ausfallen. In wissenschaftlichen Untersuchungen werden beispielsweise auch Blätter sowie andere Bestandteile der Pflanze hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe untersucht. Die Untersuchung solcher Pflanzenteile in wissenschaftlichen Studien bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie auch als Lebensmittel innerhalb der EU verwendet oder vermarktet werden dürfen. Für einzelne Pflanzenteile kann eine gesonderte lebensmittelrechtliche Bewertung erforderlich sein.

Ob ein bestimmter Pflanzenbestandteil als neuartiges Lebensmittel eingestuft wird, kann unter anderem anhand des Novel-Food-Kataloges und der Unionsliste der Europäischen Kommission geprüft werden.

Wissenschaftliche Untersuchungen dienen in erster Linie dazu, Inhaltsstoffe und deren Eigenschaften zu beschreiben. Die lebensmittelrechtliche Bewertung verfolgt hingegen das Ziel, zu beurteilen, ob ein Lebensmittel oder ein Pflanzenbestandteil unter den geltenden gesetzlichen Voraussetzungen sicher vermarktet werden kann. Beides sollte daher nicht miteinander verwechselt werden.

Neben der lebensmittelrechtlichen Einordnung eines Lebensmittels stellt sich häufig noch eine weitere Frage: Mit welchen Aussagen darf über seine Eigenschaften oder mögliche Wirkungen geworben werden? Auch hierfür gelten innerhalb der EU eigene rechtliche Vorgaben. Maßgeblich ist die Health-Claims-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 1924/2006).

Mit Inkrafttreten der Health-Claims-Verordnung im Jahr 2006 wurde erstmals ein europaweit einheitliches Verfahren für nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel geschaffen. Unternehmen und Mitgliedstaaten konnten bis Anfang 2008 bereits verwendete oder geplante gesundheitsbezogene Aussagen zur wissenschaftlichen Bewertung anmelden. Hieraus entstand zunächst eine umfangreiche sogenannte konsolidierte Liste (Consulted List) mit mehreren tausend beantragten Angaben zu unterschiedlichsten Lebensmitteln und Inhaltsstoffen.

Im nächsten Schritt wurden diese Angaben von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wissenschaftlich bewertet. Die EFSA prüft dabei ausschließlich, ob die vorgelegten wissenschaftlichen Daten einen ausreichenden wissenschaftlichen Nachweis für einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Lebensmittel oder Inhaltsstoff und der beantragten gesundheitlichen Wirkung belegen.

Die wissenschaftliche Bewertung der EFSA ist jedoch nicht automatisch mit einer Zulassung gleichzusetzen. Über die Aufnahme einer gesundheitsbezogenen Angabe in die europäische Unionsliste zugelassener Health Claims entscheidet anschließend die Europäische Kommission gemeinsam mit den Mitgliedstaaten im Rahmen eines eigenständigen regulatorischen Verfahrens.

Ein Teil der ursprünglich eingereichten Angaben   insbesondere zu pflanzlichen Stoffen (Botanicals)   wurde im Laufe dieses Verfahrens zunächst zurückgestellt und befindet sich bis heute in einem besonderen Bewertungsstatus. Diese Angaben werden häufig als Botanical-Claims beziehungsweise Pending Claims bezeichnet.

Auch für Acerola wurden im Rahmen des ursprünglichen Meldeverfahrens mehrere gesundheitsbezogene Angaben eingereicht. Diese bezogen sich unter anderem auf antioxidative Eigenschaften („antioxidant activity“, „antioxidant properties“) sowie weitere physiologische Wirkungen.

Ein Teil dieser Angaben erhielt unter anderem die EU-ID 2193 und wurde zunächst auf der sogenannten konsolidierten Liste, sowie später der Pending- und der Botanical-Liste geführt.

Die EFSA prüfte diese Angaben im Rahmen ihres wissenschaftlichen Bewertungsverfahrens. Hinsichtlich der beantragten antioxidativen Wirkungen kam die Behörde zu dem Ergebnis, dass kein ausreichender wissenschaftlicher Nachweis für einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen dem Verzehr der bewerteten Lebensmittel und einer vorteilhaften physiologischen Wirkung erbracht werden konnte.

Aus den veröffentlichten EFSA-Stellungnahmen ergibt sich, dass für die beantragten antioxidativen Aussagen kein ausreichender wissenschaftlicher Nachweis im Sinne der Health-Claims-Verordnung vorgelegt werden konnte. Die Stellungnahmen selbst treffen jedoch keine Aussage darüber, aus welchen konkreten Gründen einzelne Studien oder Nachweise hierfür nicht ausreichten.

Dieses Ergebnis bedeutet jedoch nicht, dass Acerola keine antioxidativ wirkenden Inhaltsstoffe enthält. Es verdeutlicht vielmehr, dass der Nachweis bestimmter Inhaltsstoffe und deren antioxidativer Eigenschaften allein nach der Health-Claims-Verordnung nicht ausreicht, um daraus zulässige gesundheitsbezogene Aussagen abzuleiten.

Wie bereits im vorherigen Abschnitt dargestellt, wurden in Acerola zahlreiche antioxidativ wirkende Pflanzenstoffe, sowie hohe Mengen Vitamin C beschrieben. Für die Verwendung gesundheitsbezogener Aussagen reicht der Nachweis solcher Inhaltsstoffe allein jedoch nicht aus. Nach der Health-Claims-Verordnung muss vielmehr die behauptete gesundheitliche Wirkung am Menschen wissenschaftlich ausreichend belegt sein.

Hinzu kommt, dass für Vitamin C bereits mehrere gesundheitsbezogene Angaben zugelassen sind, sofern die jeweiligen Voraussetzungen der Health-Claims-Verordnung eingehalten werden. Hierzu gehört unter anderem die Aussage, dass Vitamin C dazu beiträgt, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Diese zugelassenen Aussagen beziehen sich jedoch ausschließlich auf den Nährstoff Vitamin C unter den jeweils vorgeschriebenen Verwendungsbedingungen und nicht auf Acerola als Lebensmittel insgesamt oder auf deren gesamte antioxidative Zusammensetzung.

Das Beispiel Acerola verdeutlicht, dass wissenschaftliche Untersuchungen über Inhaltsstoffe und die lebensmittelrechtliche Zulässigkeit gesundheitsbezogener Aussagen zwei unterschiedliche Ebenen darstellen. Während zahlreiche Inhaltsstoffe wissenschaftlich beschrieben wurden, richtet sich die Zulässigkeit entsprechender gesundheitsbezogener Aussagen nach den Vorgaben der Health-Claims-Verordnung und den auf dieser Grundlage erlassenen Durchführungs- und Zulassungsentscheidungen der Europäischen Kommission.

Fazit:

Die wissenschaftliche Literatur ermöglicht heute einen umfassenden Einblick in die Zusammensetzung der Acerola. Gleichzeitig zeigt sie, dass einzelne Fragestellungen unterschiedlich beantwortet werden müssen. Während Studien die Inhaltsstoffe einer Frucht beschreiben, regelt das Lebensmittelrecht unter anderem deren Sicherheit, Einordnung und Vermarktung.

Erst das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht eine sachgerechte Einordnung der Acerola. Welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden, bleibt letztlich jeder Leserin und jedem Leser selbst überlassen. Die vorliegende Übersicht möchte hierfür eine möglichst sachliche und wissenschaftlich nachvollziehbare Grundlage bieten.

Quellenverzeichnis

Botanik und allgemeine Informationen zur Acerola

Belwal, T., Dhyani, P., Bhatt, I. D., Rawal, R. S., Pande, V. & Devkota, H. P. (2018). Acerola (Malpighia emarginata DC.): A review on its phytochemistry, nutritional composition, health benefits and food applications. Journal of Food Science and Technology, 55(9), 3373 3384. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6098779/

Plants of the World Online (POWO). Royal Botanic Gardens, Kew. Malpighia emarginata DC. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:323670-2/general-information

National Tropical Botanical Garden (NTBG). Malpighia emarginata. https://ntbg.org/database/plants/detail/malpighia-emarginata

ScienceDirect. Malpighia emarginata. ScienceDirect Topics. Elsevier.

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